2026
Als die kleinen Renner flügge wurden
Von den Anfängen des Kartsports in Deutschland
Zum Start in die Klassik-Kartsaison 2026 möchten wir Sie auf eine Zeitreise mitnehmen.
Wir schreiben das Jahr 1960 und nach Petticoat und Rock and Roll schwappt eine weitere Welle aus Amerika nach Deutschland herüber.
In Deutschland gab es fünfzehn Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs noch jede Menge amerikanischer Garnisonen mit vielen Soldaten, die das Kart Hobby aus den USA kannten und es auch in Europa an ihrem Standort ausüben wollten.
Besonders im Frankfurter Raum bildete sich so etwas wie ein Hot Spot des Kartsports.
Im Februar 1960 wurde in Wiesbaden der Go-Kart Club von Deutschland im AvD als Dachverband gegründet.
Dieser legte auch das erste technische Reglement fest, Zweitaktmotoren mit 100 und 200 Kubikzentimetern, und die groben Abmaße wurden damals vorgeschrieben, vieles war noch nicht reglementiert.
Am 24 April 1960, genauer am 26. April fand in Wiesbaden das erste offizielle Kartrennen in Deutschland statt. Permanente Kartbahnen gab es noch nicht.
Die Karts waren noch recht rustikal aus schweren Winkeleisen und Rohren zusammengebaut. Die Motoren stammten meist von Ilo und Stihl und waren ursprünglich für Baumaschinen oder Baumsägen entwickelt worden. Die Leistung eines Motors mit 100 Kubikzentimetern lag bei ca. 6 PS, die 200 Kubik Karts hatten dann zwei Motoren, so konnte man auch am Wochenende mit einem Kart in zwei Klassen fahren.
Antrieb mit Kette, anfangs nur auf ein Hinterrad, die Bereifung war ursprünglich für Sackkarren und Kleinfahrzeuge gedacht, die Chassis kamen hauptsächlich von Hako (Koch Bad Oldesloe), Ihle (Bruchsal) und Hess (Wixhausen).
Die Geschichte der Firma Hess möchten wir einmal näher beleuchten.
Hermann Hess aus Darmstadt, Jahrgang 1928 betrieb im Hessischen Darmstadt Wixhausen eine Motorradwerkstatt.
Durch den Kontakt zu im Frankfurter Raum stationierten GI s kam er Ende der Fünfzigerjahre in Kontakt mit dem Kartsport.
Bekanntermaßen wurden die ersten Go-Karts im Jahre 1956 von Art Ingels in den USA gebaut und die Bewegung kam auch über den großen Teich zu uns nach Europa.
Schnell erkannte der pfiffige und versierte Techniker das Potenzial der kleinen Renngeräte und nachdem man anfangs die US Karts nachgebaut hatte, wurden nach und nach eigene Rahmen gebaut.
Zug um Zug wurde die Produktion verfeinert, Schweißvorrichtungen gebaut und immer mehr wuchs die Kartproduktion zu einem Standbein des mittlerweile auch mit Automobilen, speziell der Firma Opel handelnden Hess.
Nicht nur Bauen, sondern auch Fahren hieß das Motto und so war Hermann Hess auch bei den Anfängen der ersten Kartrennen mit von der Partie. Sehr früh konnte er auch Adolf Neubert für den Kartsport begeistern. Neubert war damals als Fuhrparkleiter bei der Firma Wolf Keksfabrik in Darmstadt (auch bekannt als Wolf Bergstraße) beschäftigt und fand schnell Gefallen an den schnellen kleinen Flitzern.
Das galt sowohl beim Fahren und immer häufiger konnte der jüngere Neubert den erfahrenen Hermann Hess hinter sich lassen.
Ausserdem expandierte das Kartgeschäft, das in den sechziger Jahren einen großen Aufschwung nahm, und Hess betrieb eine stetige Verbesserung und Weiterentwicklung seiner Renner.
Cleverer Weise hatte sich Hess die Unterstützung von Studenten der Fachhochschule Darmstadt gesichert, die auch die notwendigen Konstruktionszeichnungen und Berechnungen angefertigt haben und im Dunstkreis seines Rennteams ihre Kenntnisse im Maschinen- und Fahrzeugbau praktisch vertieften.
Hess setzte ähnlich wie sein Konkurrent Ihle aus Bruchsal auf Bauteile aus dem damals noch relativ neuen glasfaserverstärkten Polyesterharz.
So war ab 1963 der Sitz mit integriertem Kraftstofftank aus Glasfaserkunststoff gefertigt. Ebenso war die Bodenplatte aus Kunststoff.
Früher war es auch noch einfacher die Karts außerhalb einer Kartbahn zu Testzwecken zu bewegen, es störte wenig Leute, wenn man die Fahrzeuge in freier Wildbahn auf Parkplätzen oder ruhigen Straßen ausfuhr. Heute wäre das undenkbar und würde schwere juristische Komplikationen nach sich ziehen.
Viele der Karts wurden an wohlhabende Kunden verkauft, die damit auf ihrem Privatgelände entweder selbst fuhren, oder ihre Kinder oder Enkelkinder schon früh mit dem Motorsport infizierten.
Auch wurden Bausätze verkauft, die die Kunden dann selbst montierten, bzw. ihre jeweiligen Motoren einbauten.
Die Rennszene war damals noch rustikal unterwegs, so fuhr man in Ermangelung von permanenten Rennstrecken oft auf Parkplätzen oder Flugplätzen. Die Karts wurden im PKW transportiert und man schraubte oft unter freiem Himmel und unter heute kaum mehr vorstellbaren Bedingungen. Durch den Kartboom wurden aber im Verlauf der Sechzigerjahre permanente Strecken gebaut. So in Kerpen, (Horrem), Oppenrod, Liedolsheim, um nur einige zu nennen.
Der Höhepunkt der Kartproduktion bei Hess war bis ca. 1964. Der Kartsport wurde internationaler und speziell in Frankreich und Italien entstanden ebenfalls professionelle Firmen, wodurch der Entwicklungsaufwand immer größer wurde, um noch in dem Geschäft konkurrenzfähig zu bleiben.
Da auch die individuelle Motorisierung in Deutschland einen rasanten Boom erlebte zog sich Herrmann Hess aus dem Kartgeschäft zurück. Er überließ seine Vorrichtungen, Unterlagen und restlichen Teile seinem engsten Mitarbeiter Adolf Neubert, der weil vom Kartvirus befallen, zuerst die eigenen Karts weiterentwickelt hat, aber auch schnell die siegreichen Marken, wie Birel, Parilla usw. nach Deutschland importierte und an Kartenthusiasten verkaufte. Seine Firma Eurokart im hessischen Otzberg wurde zu einem klangvollen Namen in der Kartsportszene und kein Geringerer als der siebenmalige Formel Eins Weltmeister Michael Schumacher aus Kerpen fuhr, einst für Adolf Neuberts Team Eurokart.
Doch zurück zu Hermann Hess. Er baute sein Opel Autohaus weiter aus und baute und restaurierte alte Motorräder und Autos und sogar Flugzeuge. Zeitlebens war er von der Technik fasziniert und liebte deren Herausforderungen.
Hermann Hess starb im Jahre 2015 im Alter von 87 Jahren.
Sein Sohn Rainer bewahrt die Erinnerung an die Zeit als die kleinen Rennwagen das Laufen lernten und der Kartsport in Deutschland Fahrt aufnahm.
Damit die Geschichte lebendig bleibt, hat sich der Klassik Kartclub Deutschland auf die Fahnen geschrieben, die Kartgeschichte lebendig zu halten. So laufen noch immer Karts der Firma Hess und anderer Fabrikate, und werden auch aktiv auf Kartbahnen und Kartsport Treffen im In- und Ausland bewegt.
Dies soll auch durch eine Steigerung der Fahrmöglichkeiten für die Kart «Ur»- modelle erreicht werden.
So wurden bereits im letzten Jahr beim Klassik Kart Pokal in Oppenrod anlässlich des 60-jährigen Bahnjubiläums Demonstrationsfahrten mit den Karts aus der Kart Gründerzeit gemacht, und im Club werden derzeit einige der ganz alten Schätze für die Bahn vorbereitet.
Getreu dem Motto des Klassik Kart Clubs, dass die Fahrzeuge auch in ihrem natürlichen Habitat auf der Kartbahn bewegt werden sollen.
Der Klassik Kartclub ist Bestandteil des KCD 90 des Kartclub Deutschland 90, dem Nachfolger des oben erwähnten und vor 66 Jahren gegründeten Go-Kart Clubs von Deutschland.
Die Erhaltung und Würdigung dieses wichtigen Teils der Motorsportgeschichte ist der Hauptzweck des Klassik Kart Clubs Deutschland, der jedes Jahr auch eine Klassik Kart Meisterschaft ausrichtet.
In diesem Jahr findet erneut in ganz Deutschland von Kerpen über Bopfingen, Oppenrod, Hahn Wildberger Hütte, Gerolzhofen und Wittgenborn wieder eine Klassik Kart Meisterschaft, die im Gleichmässigkeits- Format ausgefahren wird mit sechs Wertungsläufen statt.
An dieser Stelle möchten wir noch an den Kartfahrer und Kartkenner Botho G. Wagner erinnern, der dem Kartsport zeit seines Lebens aufs Engste verbunden war und der nicht nur viele Rennen als Fahrer, Streckensprecher und Herausgeber der Zeitschrift Karting begleitet hat, sondern der auch ein erfolgreicher Strippenzieher (heute würde man Influencer sagen) des Deutschen Kartsports war.

Hermann Hess war auch als Rennfahrer erfolgreich, hier bei einem Rennen in Frankfurt

Aus der Anfangszeit circa 1960 noch mit teilweise aus heutiger Sicht skurrilen Lösungen wie dem Lenker

Hess Kart aus den frühen Sechzigerjahren

Hess Kart in der Ausführung von 1963, fabrikneu

Die Klassik Kart Saison 2026 bietet wieder viele Fahrmöglichkeiten (hier Gerolzhofen)
Hier die
Termine Klassik Kart Meisterschaft Saison 2026
1. Lauf: 21. und 22. März in Kerpen
2. Lauf: 18. und 19. April in Bopfingen
3. Lauf: 13. und 14. Juni in Oppenrod
4. Lauf: 27. und 28. Juni in Hahn Wildberger Hütte
5. Lauf: 18. und 19. Juli in Gerolzhofen
6. Lauf: 15. und 16. August in Wittgenborn
KCD 90/Kohler-01-2026
Bilder KKCD, Oberländer